Wie kommt es zu sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche?

Zum Vorgehen der TäterInnen

Sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche ist meist kein einmaliges oder zufälliges Ereignis, sondern eine Straftat, die sich in der Regel über Wochen, Monate oder Jahre anbahnt und von Täter oder Täterin gut vorbereitet wird. Grooming bezeichnet in diesem Kontext das manipulative, ausbeuterische Verhalten des Täters/der Täterin mit dem Ziel der Überwindung des kindlichen Widerstands und der Schaffung einer Gelegenheit zur Umsetzung des Vorhabens (Finkelhor, 1984; Craven et al., 2006; Ward & Siegert, 2002). Dabei soll das Kind, dessen Eltern und näheres Umfeld auf die sexuelle Gewalttat vorbereitet werden. Um eine Offenlegung der sexuellen Gewalt zu vermeiden, stellt der Täter/die Täterin vorab den Zugang zum Kind, dessen Folgsamkeit und die Geheimhaltung der sexuellen Gewalt gegen das Kind sicher. Dieser Prozess stärkt wiederum den Täter/die Täterin in seinem/ihrem Verhalten, da er/sie ihn als Mittel zur Legitimation der eigenen Handlungen verwendet (Craven et al., 2006). Der Manipulationsprozess umfasst somit drei Ebenen: die Selbstpflege des Täters/der Täterin, um die sexuelle Gewaltanwendung vor sich selbst zu rechtfertigen oder zu leugnen (van Dam et al., 2001), die Manipulation des Kindes sowie die Manipulation dessen wichtiger Bezugspersonen und näheren Umfelds. Das Verhalten der Täters/der Täterin kann in unmittelbarer Nähe zum Kind, aber auch über räumliche Distanz, beispielsweise über das Internet auftreten (Whittle et al., 2012). Nach erfolgreicher Identifizierung eines gefährdeten Kindes (van Dam, 2001) wird dieses durch den Täter/die Täterin verbal und körperlich gegenüber sexuellen Kontakten desensibilisiert (Olson et al., 2007). Dies passiert indem die Reaktion des Kindes auf zufällige Berührungen, den Kontakt mit pornografischem Material sowie eine sexuelle Umgebung getestet wird (Elliot et al., 1995). Fehlender Widerstand des Kindes ermutigt den Täter/die Täterin sexuelle Gewalt anzuwenden (Lang & Frenzel, 1988).

Weitere von Tätern/Täterinnen angewandte Taktiken sind der Zwang und die Überzeugung. Bei letzterem wird dem Kind beispielsweise erzählt, dass diese Art sexueller Aktivität eine angemessene Form des Austausches zwischen Menschen sei, die sich lieb haben oder auch, dass die sexuelle Interaktion dem Kind in Zukunft zu Gute kommen wird (Elliott et al., 1995). Zwang kann in diesem Kontext verschiedene Formen, von verbaler Drohungen bis hin zu körperlicher Nötigung oder Gewalt gegen das Kind annehmen und wird bei Angst oder Einwänden des Kindes bei fast 40% von dem Täter/der Täterin angewandt. Handelt es sich nicht um die einmalige Anwendung sexueller Gewalt wird häufiger Überzeugungsarbeit als Zwang eingesetzt (Berlinder & Conte, 1990). Dies trifft insbesondere auf ältere Täter/Täterinnen sowie auf sexuelle Gewalttaten innerhalb der Familie zu, wo der Täter/die Täterin mit größerer Vorsicht vorgeht, dabei keine schweren Verletzungen verursachen möchte, um die Tat in Zukunft wiederholen zu können (Can Gijn & Lamb, 2013; Lang & Frenzel, 1988).

Die Manipulation wichtiger Bezugspersonen und der näheren Umgebung des Kindes kann implizit oder explizit geplant erfolgen. Dabei wird ein Vertrauensverhältnis zu der Familie des Kindes aufgebaut, welches dem Täter/der Täterin in Folge den Zugang zum Kind erleichtert (Elliott et al., 1995). Dies geschieht oft lange bevor es zur Anwendung sexueller Gewalt kommt. Vertraut das Kind, dessen Familie und die Gemeinschaft dem Täter/der Täterin, versucht dieser/diese das Kind physisch und psychisch zu isolieren. Die physische Isolation soll mögliche Zeugen der sexuellen Gewalt verhindern. Durch die psychische Isolation des Kindes versucht der Täter/die Täterin das Kind stärker an ihn/sie zu binden und damit andere wichtige Bezugspersonen so gut als möglich auf Abstand zu halten. Diese Strategien kommen wiederholt, nach jeder Anwendung sexueller Gewalt gegen das Kind zur Anwendung, um damit eine erneute Bindung des Kindes und dessen familiärem Umfeld an ihn/sie zu gewährleisten (Irenyi et al., 2006). Auf diese Weise schafft der Täter/die Täterin ungeachtet seiner/ihrer physischen Abwesenheit ein sexuelles Umfeld in der unmittelbaren Umgebung des Kindes (Katz, 2013).

 

 

 

 

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